zurück 
01.08.2025

Archivbericht 03.10.2007 bei input aktuell: Tapferer Eifelpriester Josef Zilliken starb vor 65 Jahren im KZ Dachau - Erkenntnisse des russischen Geheimdienstes NKWD

Mayen/Prüm/Wassenach (boß) Am 3. Oktober 1942 - also vor genau 65 Jahren - starb in Dachau der frühere Prümer Dechant Josef Zilliken. Er ist in Prüm trotz dauernder Anfeindungen durch die Nazis unvergessen. 

Als Konviktorist hatte er dort Abitur gemacht und von 1922 bis 1937 als Seelsorger gewirkt. In der Basilika erinnert heute noch eine Gedenktafel an den streitbarten Geistlichen, der in der NS-Zeit den Rücken nicht vor den Nazi-Schergen beugte. Nach der Öffnung russischer Geheimdienst-Akten gibt es in dem Fall neue Erkenntnisse.
Über das Schicksal des Josef Zilliken und seines Amtsbruders Johannes Schulz berichteten vor einiger Zeit Albrecht Zutter und Richard Elsigk in einem Aufsatz. Sie gingen der Frage nach, ob wirklich Hermann Göring persönlich die Schuld am Tod der beiden Geistlichen trug:
Josef Zilliken wurde 1872 in Mayen geboren. Wie Schulz besuchte er in Trier das Priesterseminar. Nach der Priesterweihe 1898 verbrachte er viele Jahre in den saarländischen Gemeinden Sulzbach, Wolfersweiler und Thalexweiler und wurde dann Pfarrer in Prüm. Wegen seiner Probleme mit Nationalsozialisten wurde er 1938 nach Wassenach versetzt.
Ende Mai 1940 kam es in dem heute noch existierenden Ausflugslokal „Waldfrieden“ in der Nähe des Laacher Sees zu einer folgenschweren Begegnung.
Johannes Schulz und Josef Zilliken saßen an jenem Nachmittag auf der Terrasse des Gasthofs, als unvermutet der damalige Generalfeldmarschall Göring in Begleitung einiger Offiziere erschien, um ebenfalls dort Platz zu nehmen. Während die Ankömmlinge von den übrigen Gästen mit „Heil Hitler“ gegrüßt wurden, nahmen die beiden Pfarrer keine Notiz von Göring. Am Abend desselben Tages wurden beide von der Gestapo verhaftet; sie kamen ins Gefängnis nach Andernach, danach ins Konzentrationslager Buchenwald.
Bei unseren Recherchen stießen wir vor einigen Jahren auf den Bericht einer Augenzeugin des Vorfalls. Sie zitiert die Bemerkung eines Offiziers aus der Begleitmannschaft Görings, wonach „der Generalfeldmarschall über das respektlose Benehmen der Priester verärgert“ war.
Dennoch bestanden bei uns Zweifel, ob die Verhaftung der Pfarrer auf Göring selber zurückging: Konnte eine Bagatelle wie das Nichtgrüßen tatsächlich derart massive Folgen haben? Oder sollten da doch persönliche Rechnungen aus der Vergangenheit beglichen werden? Schließlich war es zwischen örtlichen Parteianhängern und den Pfarrern des öfteren zu Spannungen und Auseinandersetzungen gekommen.
Nach über 60 Jahren nun werden von unerwarteter Seite her die Fragen beantwortet, indem eine bis dato unbekannte Quelle ans Licht kommt: die Verhörprotokolle des russischen Geheimdienstes.
1945 erteilte Stalin seinem Geheimdienst NKWD - dem Vorgänger des KGB - den Auftrag, die Umstände des Todes von Hitler genauer zu untersuchen. Den Russen gelang es, am 2. Mai 1945 zwei Personen gefangen zu nehmen, die die letzten Tage Hitlers im Bunker der Reichskanzlei miterlebt hatten: den Persön- lichen Adjutanten Otto Günsche und den Kammerdiener Heinz Linge.
Sie wurden über drei Jahre hinweg vom Geheimdienst verhört, bevor die Protokolle 1949 Stalin vorgelegt wurden. Das Dossier, jahrzehntelang unter Verschluss, wurde jetzt geöffnet und auch ins Deutsche übersetzt.
Eine Passage darin berichtet über ein Treffen Hitlers mit Göring – es war nach seiner Rückkehr von einem Frontbesuch im nördlichen Frankreich im Juni 1940 -, bei dem sich Hitler „voller Verachtung“ über die Engländer auslässt. Der Bericht fährt fort:
„Auch Göring war in Hochstimmung. Beim Warten auf den Wagen vor dem Unterstand schilderte er Hitler sein jüngstes `Abenteuer`.
Einige Tage zuvor war er in einem Lokal am Rhein gewesen. Alle Gäste seien aufgestanden, nur zwei katholische Priester nicht. `Denen habe ich es aber gezeigt. Ich habe sie ins KZ geschickt`, sagte Göring lachend. `Und habe befohlen, dort eine Stange mit einer alten Mütze von mir aufzustellen. Jetzt müssen sie jeden Tag daran vorbeimarschieren und den nationalsozialistischen Gruß üben.`“
Unzweifelhaft handelt es sich bei den Pfarrern um Schulz und Zilliken. Gerade die „Grußübung“ schilderte auch ein Mithäftling der Pfarrer im KZ Buchenwald, Sales Hess.
Die zitierte Passage, innerhalb der ganzen Protokolle nur eine Randnotiz, ist gleichwohl ein eindrucksvolles Dokument. Es belegt, dass tatsächlich Göring selbst der Initiator der Verhaftung der beiden Pfarrer war. Es belegt zugleich die Hybris und Skrupellosigkeit eines Mannes, der das Nichtgrüßen als eine Majestätsbeleidigung ansah, der aus gekränkter Eitelkeit heraus einen furchtbaren Racheakt unternahm und sich dessen noch rühmte.
Bittbriefe, 1940 von Verwandten der Inhaftierten an Göring (und an seine Frau) geschickt, blieben dementsprechend auch erfolglos. Schulz und Zilliken wurden im Dezember 1940 nach Dachau gebracht. Dort starben beide 1942 den Hungertod.
Josef Zilliken wurde in Wassenach beigesetzt. Der Bürgermeister von Nickenich lehnte ein Begräbnis von Johannes Schulz auf dem dortigen Friedhof ab. Nach längeren Schwierigkeiten mit Behörden erhielt die Familie des Verstorbenen die Urne mit seiner Asche und bestattete sie in einem Familiengrab in Saarbrücken. Erst am 7. März 2004 wurde die Urne – auf Veranlassung des Derlener Dechants Hans-Georg Müller – nach Derlen, in die einstige Gemeinde von Pfarrer Schulz überführt und von Bischof Marx vor der Kirche St. Josef feierlich beigesetzt.

Die Persönlichkeit von Josef Zilliken beschreibt Heinrich Schäfer eindrucksvoll in einer Biografie: Seine wuchtige Gestalt und unbeugsame innere Gesinnung drängen uns zum Vergleich mit dem Gestein, das Mayen und seiner Umgebung den Charakter gibt, dem Basalt. Schon im Priesterseminar in Trier nannten sie ihn achtungsvoll das »Päärd«; und als im KZ seine Kraft endlich gebrochen wurde, schrieb sein Freund Johannes Schulz nach Hause: »Dem Päärd geht der Hafer aus!«, und die Eingeweihten wußten Bescheid.